Wunschloses Unglück – Peter Handke

„Viel Spaß. Es ist ätzend.“ „Ich habe es gehasst.“ „So mühsam!“ Das waren die drei Aussagen, die ich von drei verschiedenen Menschen hörte, als ich ihnen erzählte, dass „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke auf meiner Leseliste stehen würde. Ich habe mich daher nicht gerade darauf gefreut und deswegen das Buch auch bis zum Ende aufgehoben. Und dann wurde es stressig. Der 29. Dezember kam (völlig überraschend, übrigens!) um die Ecke. Und in selbiger lag das bräunliche Büchlein immer noch. Ich gebe selten auf, also habe ich zumindest den Kampf aufgenommen. Und schon auf den ersten Seiten fiel mir eins auf: Ich mochte das Buch. Ich konnte seine Grundstimmung verstehen. Außerdem war es ziemlich dünn und ziemlich groß geschrieben. Es ist sich alles noch rechtzeitig ausgegangen und ich konnte meine Leseliste 2020 zeitgerecht beenden.

Für eine ausführliche literaturwissenschaftliche Analyse fehlt mir hier die Zeit und auch die Muße. Aber ich nehme an, damit seid ihr in der Schule eh schon zur Genüge gequält worden. Worum es geht, ist eigentlich recht schnell umrissen: Handke’s Mutter begeht nach jahrelanger Depression Suizid. Der Sohn versucht, damit klarzukommen und versucht sich daher an einer möglichst neutralen Skizze der Frau, die seine Mutter war. Ich hatte es nicht geglaubt, aber das Buch ist wahnsinnig spannend und ich kann diese Person vor mir sehen. Wie sie mit leerem Blick in die Ferne starrt. Leidet. Still ist und dann laut und dann wieder still. Denn schließlich kennt jeder solche Phasen, wenn auch nicht in diesem Extrem. Und viele von uns kennen noch solche Frauen, deren Biografien sich mit jener der Handke-Mutter decken. Sie sind unsere Großmütter oder Mütter und würden wohl bei so mancher Passage des Buchs nicken.

Warum haben dann alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, das Buch so schlecht in Erinnerung? Ich nehme an, das liegt vor allem daran, dass das Buch immer noch Schullektüre ist. Alle drei Personen wurden damit in der frühen Pubertät konfrontiert. Zu einer Zeit, in der man die Grundstimmung des „wunschlosen Unglücks“ schwer verstehen kann. Das kommt dann erst mit den Jahren und mit der Lebenserfahrung. Dann, wenn wieder Sonntagabend im Februar ist und man weiß: in wenigen Stunden muss ich mich wieder in den ungeliebten Job schleppen. Ich würde mich sehr freuen, könnten sämtliche DeutschlehrerInnen das Buch von der Schullektüre-Liste streichen. Es bringt nichts und verdirbt nur die Lust auf Literatur. Und nur, weil das Buch dünn ist, ist es noch lang‘ keine spannende Lektüre für 14-Jährige.

Details zum Buch
Original: Wunschloses Unglück (1972)
Seiten: 96 (suhrkamp Taschenbuch)
ISBN: 978-3518397879
Preis: 7,84 Euro

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