Driving home for Christmas

Oder: Fürs Fest nach Hause fahren. Einer der wesentlichen Vorteile der Selbstständigkeit ist die flexible Zeiteinteilung. Dachte ich. Also war der Plan folgendermaßen: In der letzten Woche vor Weihnachten möglichst wenig arbeiten, noch ein paar Freunde treffen, mir einen gemütlichen Spa-Tag im Steigenberger Krems gönnen und von dort direkt weiter aufs Land fahren. Natürlich mit perfekt gepacktem Koffer für eine Woche Aufenthalt daheim bei den Eltern. Ich sah mich durchs Schneegestöber fahren, zu den Klängen von „Driving home for Christmas“ summen und gönnerhaft Lächeln durchs Autofenster verteilen. Mein Gepäck sorgfältig verstaut, durchdacht, alle Geschenke eingepackt und mit viel Ruhe und Gelassenheit.

In Wahrheit hetzte ich von Weihnachtsfeiern zu Jahresabschlusstreffen, schaffte keinen einzigen Artikel, ohne dazwischen fünfmal weg zu müssen, weil der Postler klingelt, die Nachbarin mit Keksen da steht, doch noch ein Termin kurzfristig einberaumt wurde und Kundin X „noch schnell“ einen Text (eh „nur“ 20.000 Zeichen“) braucht. Durchatmen war nicht, nichtmal Zeit für einen ordentlichen Schnupfen hatte ich. Der meldete sich dann heute morgen, als ich mich drei Tage später als geplant endlich in die Weihnachtsfeiertage aufmachen kann. In Unterwäsche stolpere ich dem Postler entgegen, der noch ein letztes Paket abgibt, den Kaffee trinke ich, während ich wahllos Outfits aus dem Schrank zerre und in den Koffer werfe, einziges Kriterium: gewaschen. Natürlich verlasse ich die perfekt geputzte Wohnung mit meinem durchdachten Koffer und dem sorgfältig abgestimmten Styling nicht wie geplant um 10 Uhr. Vielmehr schmeiße ich von Weitem verschiedenste Papiertaschen mit (natürlich uneingepackten) Geschenken ins Auto, irgendwann fliegen dann noch Schuhe verschiedenster Ausführung und ein paar Bücher hinten nach. Um das Kaffeehäferl von heute Morgen kümmere ich mich dann nächste Woche. Während ich im Auto an der roten Ampel meine Wimpern tusche und mir die Zahnpasta vom Kinn wische, tönt kein Bing Crosby aus dem Radio, sondern Helene Fischer.

Als hätte das nicht schon fürs Kreiskotzen gereicht, rieselt auch nicht der Schnee leise rund um mich, als ich mich endlich auf der Autobahn befinde. Es sind Sturzbäche, die sich aus den Wolken ergießen. Rund um mich sind keine nett lächelnden Fahrer unterwegs, sondern Aggro-Menschen, die immer noch glauben, dass sich ein Stau schneller auflöst, wenn man häufig hupt. Als ich dann endlich meiner Mama entgegenfalle, fühle ich mich, als wär ich aus dem Krieg nach Hause gekehrt. Ich möchte mich nur noch hinlegen und ein bisschen ausruhen. Doch dann fragt sie mich, ob ich noch mal schnell zum Supermarkt fahren könne, weil mein Dad die Kohlsprossen vergessen hat. Und dann steh ich im Einkaufswagerlstau und weiß: Die Hölle hat einen Namen. „Samstag vor Weihnachten“.

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