Als freie Journalistin beschäftige ich mich mit vielen verschiedenen Themen. Mein Hauptfokus ist allerdings Reise. Man könnte also gewissermaßen sagen, Reisen ist mein Job. Oder zumindest: Es ist ein großer Teil meines Jobs. Ich liebe es einfach und könnte mir keine andere Arbeit vorstellen. Der Neid, der mit dieser Art von Arbeit einhergeht, ist allerdings auch halbwegs groß. Oder zumindest manchmal spürbar. Schade dabei ist, dass natürlich die meisten Menschen nur die schönen Seiten des Daseins als Reisejournalistin beneiden. Und halt auch nur die sehen. Schließlich landet auf Social Media oder in meinen Artikeln das Schöne, Luxuriöse, Abenteuerliche. Das, was wirklich dahintersteckt, sieht man selten. Daher möchte ich ein bisschen davon erzählen, was hinter den Kulissen abgeht.
Aufstehen mit JEtlag
Ich bin selbstständig und habe mehrere Kunden, die naürlich alle etwas von mir wollen; meistens eben Texte. Und Kunde A kümmert es dabei wenig, dass mich Kunde B gerade auf eine Reise nach Las Vegas geschickt hat, Kunde C eine 28-seitige Reportage über Kreuzfahrten bestellt hat und ich mich für Kunde D mit dem Erstellen eines Media-Plans beschäftige. Das heißt, nur weil ich unterwegs bin, haben alle meine anderen Kunden und Projekte keine Pause. Deadlines bestehen weiter. Als Selbstständige kann ich es mir nicht leisten, eine oder zwei Wochen nicht zu arbeiten oder Projekte und Aufträge abzulehnen. Während ich also in Las Vegas in meinem Hotelzimmer sitze und draußen die Stadt langsam zum Leben erwacht, habe ich den Jetlag des Todes und versuche, genüngend Konzentration zusammenzukratzen, um für The Chill Report eine Hotel Review zu schreiben. Über ein Hotel, das wir letzten Sommer besucht haben. Wo sind nochmal die Notizen? Ich muss mich dabei beeilen, denn bevor das Programm um 10 Uhr losgeht, muss ich einen weiteren Artikel abgeben und möchte auch noch etwas Sport machen.
Frisch geduscht stehe ich um 10 Uhr also am vereinbarten Treffpunkt. Ich habe einen Langstreckenflug, vier Stunden Schlaf und fünf Stunden Arbeit hinter mir – und der Tag hat noch nichteinmal begonnen. Mit Notizblock, Kamera-Ausrüstung und Jetlag in den Knochen geht es nun los. Vor uns liegen 12 Stunden Programm. Wir treffen wichtige Menschen, sehen uns eine Distillery an, besichtigen eine Bar, mehrere Restaurants, versuchen, den (neuen!) Vibe der Stadt einzufangen und dabei nicht einzuschlafen. Die Gruppe ist nett, das Essen wunderbar, die Erlebnisse sind toll. Und dank Kaffee überstehe ich den Tag irgendwie. Während des Abendessens, bei dem erwartet wird, dass wir Kommunikation mit den Vertretern der Stadt betreiben, schlafe ich dann aber doch fast ein. Die Uber-Fahrt zurück ins Hotel gibt mir Gelegenheit, Kräfte zu sammeln. Denn bevor ich um Mitternacht meinen Laptop zuklappen kann, müssen Mails beantwortet und noch ein paar Belege für die Steuer eingereicht werden.
Auf ein Neues nächsten Tag
Und so geht es weiter, fünf Tage lang. Noch bevor ich den Jetlag endgültig bekämpft habe, ist es an der Zeit, sich auf den Weg zurück zu machen. Jeder Tag unterwegs fühlt sich an wie ein Computerspiel, bei dem es darum geht, das Level zu schaffen, indem man keine Deadline, keinen Auftrag, kein To Do übersieht. Man reist anders, wenn es der Job ist. Man ist weniger leicht zu beeindrucken. Man bleibt ständig neugierig, skeptisch, journalistisch, professionell. Im besten Fall. Schließlich sind wir keine Influencer, die einfach dafür bezahlt werden, irgendwo hübsch herumzustehen und ein vorgefertigtes Skript zu wiederholen. Wir sind unseren Lesenden verpflichtet. Tag für Tag.